Es war die 53. Minute. Im Aufstiegsspiel der HSG Isar-Loisach gegen den TSV Partenkirchen ist es Zeit für einen historischen Moment. Siebenmeter für die Gäste, die HSG wechselt dafür ihren Torhüter. Udo Klünsch, 59, kehrt in den Kasten zurück – 24 Jahre nach seinem letzten Spiel.

Diesen besonderen Moment hat Klünsch selbst: „Ich habe wenig um mich herum wahrgenommen. Ich war wie im Tunnel.“ Der 1,93-Meter-Mann kommt weit aus seinem Tor heraus und macht sich noch größer, als er sowieso schon ist. Es ist wie früher. Der Sieben-Meter-Killer steht wieder im Wolfratshauser Tor. Nur dass er dieses Mal den Ball aus dem Netz holen muss. Die 300 Fans auf der Tribüne feiern ihn trotzdem mit „Udo, Udo“-Rufen.

Klünsch steht auch im Tor, als mit dem Schlusspfiff bei Spielern und Fans alle Dämme brechen. Die HSG siegt mit 33:24 und sichert sich am vorletzten Spieltag den Aufstieg in die Bezirksliga. „Ich finde es großartig, ein Teil davon zu sein“, sagt Klünsch, der sich selbst als „Wolf“ bezeichnet. Beim TSV Wolfratshausen hatte er mit Handballspielen angefangen, als es noch keinen Hallenhandball gab und draußen gespielt wurde. Nun ist er mit der HSG Isar-Loisach, einer Spielgemeinschaft aus dem TSV und der TuS Geretsried, aufgestiegen.

An dem Spiel hing das Wohl des ganzen Vereins

Vorstand Dr. Peter Seemann (v.l.) mit Klünsch und Trainer Markus Goblirsch

Der Ersatztorhüter der HSG war für das Topspiel ausgefallen. In den Vorwochen stand Klünsch, bei der HSG als Torwarttrainer tätig, bei Übungen ab und an im Kasten. Als er die ersten Spieler zur Verzweiflung bringt, fangen Späße über seine Rückkehr an. Auch seiner Familie muss er erst einmal erklären, dass er tatsächlich wieder spielt. „An dem Spiel hing das Wohl des ganzen Vereins dran“, sagt Klünsch.

Den erfahrenen Marketingberater bringen Telefonkonferenzen mit Kunden aus aller Welt nicht aus der Ruhe. In der Nacht vor dem wichtigen Spiel aber hat er kaum ein Auge zugemacht. „Ich habe überlegt, wie ich bei welcher Wurfposition stehe.“ Früher zählte Klünsch auf seine Reflexe. Als er in einem Ordner mit vergilbten Zeitungsberichten blättert, sagt er: „Ich war damals richtig gut.“ In der Tat finden sich Überschriften wie „Spieler des Abends: Udo Klünsch“ oder „Keeper Klünsch rettet ein Punkt“. In einem Pokalendspiel hielt er sieben Siebenmeter, Sieg.

Trainer Goblirsch lobt Klünsch: „Er strahlt auf das Team Ruhe aus“

Heute hat er andere Stärken. Herren-Trainer Markus Goblirsch erklärt: „Mit seiner Größe und seinem Stellungsspiel hilft er uns – und er strahlt auf das Team Ruhe aus.“ Sein Ehrgeiz motiviert die Mitspieler. Als er mit 17 Jahren zu den Herren ins Training geht, brechen ihm Würfe zwei Mal den Arm. Er kam wieder. Aufgehört hat er erst nach seinem Kreuzbandriss, in der Saison 1992/1993.

Klünsch mit dem Team im Aufstiegstrubel

2017 ist er „überrascht, wie gut ich noch mithalten kann“. Klünsch liebt den Handball. „Aber nur, wenn es um meine HSG geht. Dann reizt mich das unheimlich.“ Der 59-Jährige hatte nie Torwarttraining, ist Instinkthandballer.

Nach dem Aufstiegsspiel kann Klünsch den aktiven Handball nicht einfach so abhaken. „Es juckt dich ja. Dieses Gefühl, einen Siebenmeter zu halten, ist grandios. Die Liebe zum Spiel geht nicht verloren.“ Wenn ihn seine HSG braucht: Wolfratshausens Siebenmeter-Killer steht bereit.